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Zwischen zwei Kulturen

Interview mit der Koordinatorin für Jugendarbeit in Nordmarzahn

Nach Einschätzungen der Behörden ist jeder fünfte bis sechste Einwohner des Stadtteils Marzahn-NordWest ein Migrant. Wir trafen uns mit Barbara Schünke, der Koordinatorin vom Jugendamt für die Jugendarbeit in diesem Stadtteil. Sie ist verantwortlich für die Beratung von Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, für die Umsetzung von Projekten, die darauf ausgerichtet sind, dass die Jugendlichen am Leben des Stadtteils teilnehmen, und für die Integrationsarbeit mit jungen Migranten. Wie aktiv nutzen die jugendlichen Aussiedler das Potenzial von Jugendzentren, Jugendklubs und Beratungsstellen, die es im Stadtteil gibt? Wenn man heute diejenigen betrachtet, die diese Einrichtungen besuchen, kann man sagen, dass Aussiedler und einheimische Deutsche gleichermaßen vertreten sind. Dabei besuchen die Aussiedler die Klubs wesentlich aktiver als früher. Außerdem haben sich die jugendlichen Aussiedler, wenn sie in die Klubs gekommen sind, nur untereinander auf Russisch unterhalten. Wir hatten ernsthafte Schwierigkeiten damit, die Aussiedler und die einheimischen Jugendlichen dazu zu bewegen, miteinander zu reden. Jetzt sprechen die Aussiedler hervorragend Deutsch, unterhalten sich mit den einheimischen Deutschen und sind von den Einheimischen eigentlich überhaupt nicht mehr zu unterscheiden. Auf welche Weise locken Sie die Jugend in die Klubs? Erstens kommt ein Jugendlicher immer irgendwohin, weil sein Freund dorthin geht oder weil er ein Problem hat, und der Klub oder die Beratungsstelle bieten eine Lösung. Zweitens gibt es im Stadtteil das Streetworker-Team, zu dessen Aufgaben es gehört, mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten, ihnen irgendeine Freizeitbeschäftigung anzubieten oder ihnen zu erzählen, wo und wie sie ihre Freizeit verbringen können oder wie sie das eine oder andere Problem lösen können. Sehr schwierig ist es, an die Jugendlichen heranzukommen, die mit 16 oder 17 Jahren ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland gekommen sind. Sie wissen häufi g nichts von den Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, zum Erlernen der deutschen Sprache oder zur Berufsausbildung, die im Stadtteil bestehen. Vielleicht wäre das einfacher zu handhaben, wenn jemand mit ihnen in ihrer Sprache sprechen könnte. Gibt es im Streetworker-Team Mitarbeiter, die Russisch sprechen? In diesem Stadtteil nicht. Vor anderthalb Jahren gab es einen solchen Mitarbeiter, doch er arbeitet jetzt in einem anderen Stadtbezirk. Wie kann man Ihrer Meinung nach dieser Gruppe Jugendlicher helfen, die so erhebliche Schwierigkeiten hat, und wer sollte das tun? In erster Linie die Eltern, die Anteilnahme und Verständnis zeigen und keinen Druck auf die Jugendlichen ausüben sollten, die sich durch die schwierigen Umstände ohnehin unter Druck befi nden. Ist die Arbeit mit den Eltern nicht ein Teil der Jugendarbeit innerhalb der Tätigkeit Ihrer Behörde? Die Arbeit mit den Heranwachsenden ist eine eigenständige Richtung. Aber da in unserem Stadtteil eine ungünstige soziale Situation herrscht - viele Arbeitslose und ALG-II-Empfänger - und sich das auch auf die Atmosphäre in der Familie auswirkt, hat unser Amt begonnen, auch mit den Eltern zu arbeiten. Im Stadtteil gibt es die Möglichkeit, dass sich die Eltern untereinander treffen (Familientreff), um Probleme zu erörtern und Erfahrungen auszutauschen. Wie viele Jugendklubs gibt es in Marzahn-Nord? Es gibt zwei Zentren, die vollständig vom Bezirk finanziert werden. Zwei weitere Zentren werden teilweise von den Bezirksbehörden finanziert. Der größte Teil der Einrichtungen funktioniert dank der Mitarbeiter, die ehrenamtlich tätig sind. Das ist schlecht, weil man nie weiß, wie lange eine solche Einrichtung arbeiten kann und ob die Kinder nicht auf der Straße landen.

Alexander Reimer

Die Adressen der Zentren, Klubs und Beratungsstellen für Kinder und Jugendliche in Marzahn-Nord findet man im Internet unter der Adresse: www.marzahn-nordwest-quartier.de