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Bürgerideen und Behördenmacht

Bewegte Mieterversammlung zum Schorfheide-Viertel am 1. Februar 2007

NORDWEST (am) . Die beste Idee in dieser turbulenten Mieterversammlung am 1. Februar hatten wieder einmal die Bürger: "Laßt uns doch gemeinsam einen Plan für unseren Stadtteil Marzahn-NordWest aufstellen!" Damit hatte Petra Oelsner, die Sprecherin des Bewohnerbeirates, den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn alle Vorhaltungen der Mieter und die folgenden Erklärungsversuche seitens der Senatsverwaltung und der WBG Marzahn wären dann überflüssig gewesen. So aber hatte sich bei dieser Versammlung mit 120 Mietern im völlig überfüllten Saal des Nachbarschaftshauses „Kiek in" wieder einmal eine Gegnerschaft zwischen Bürgern auf der einen und der Verwaltung auf der anderen Seite verfestigt. Worum war es gegangen? Seit einem Jahr war klar, dass im Schorfheide-Viertel abgerissen werden soll. Fallen sollten je zwei Aufgänge an der Schorfheidestraße neben dem „Weißen Haus", im Gespräch waren aber auch sechsgeschossige Häuser in der Golliner 45-49 bzw. Kölpiner Straße 13-23. Die WBG hatte vor einem Jahr in ihrer Mieterzeitschrift „Wir in Marzahn" (Ausgabe 1-2/2006) die Maßnahmen in der Schorfheidestraße als „Abbruch", die geplanten Maßnahmen in der Golliner und Kölpiner Straße als „Rückbau" bezeichnet, worunter landläufig Etagenabriss und Sanierung verstanden wurde. Nun hatten die Mieter aber Anfang Januar ein Kündigungsschreiben erhalten. Daran entzündeten sich die Geister. So beklagte ein Ehepaar aus der Golliner Straße, dass es bei der WBG immer hieß, man gebe nichts auf Abrissgerüchte. Daraufhin habe das Ehepaar, das seit 30 Jahren in Marzahn wohnt, im guten Glauben die Wohnung auf eigene Kosten gründlich renoviert. Nun aber kam die Kündigung. „Können Sie sich vorstellen, wie wir uns fühlen?" Darüber hinaus hätte ja mit der ab November geforderten Kaltmietenerhöhung Gewissheit geherrscht, dass die Häuser stehen bleiben. Matthias Bahlo als Leiter des WBG-Kundenzentrums darauf: „Das war sicher keine elegante Lösung, aber wir wollten das vorhandene Mietpotenzial noch abschöpfen." Klassischer hätte das Missverhältnis zwischen Bürgerpartzipation und Behördenwillen nicht formuliert werden können. Dabei hatte die Senatorin für Stadtentwicklung Ingeborg Junge-Reyer in der NORDWEST 33 die Bewohner beschworen: „Wir wollen weiter mit Ihnen gemeinsam daran arbeiten, die einzelnen Stadtteile noch lebenswerter zu gestalten. Alle sollen daran mitwirken, ihre Kieze zu ‚Wohlfühlgebieten' zu machen." Doch sobald es zu einer Bewährungsprobe kommt, scheitern die Ansprüche. Gewagt waren bereits die Begründungen des Abteilungsleiters Wohnungswesen, Stadterneuerung und Bauförderung in der SenStadt-Verwaltung Wolf Schulgen. Er machte die Fehlplanungen des Senats von Anfang der 1990er Jahre als Ursache für den nun „notwendigen Rückbau" verantwortlich. Damals hatten Planer davon geträumt, dass Berlin innerhalb eines Jahrzehnts auf 5 Millionen Einwohner wachsen könnte. Nun, im Jahre 2007, sollen völlig unschuldige Bürger im äußersten Zipfel der Hauptstadt diese Fieberfantasien ausbaden. Dabei hatten sie bei den verschiedensten Gelegenheiten vorgeschlagen, die Häuser an der Schorfheidestraße neben dem „Weißen Haus" herunter zu staffeln sowie andere, schwach vermietete, Elfgeschosser dem Abrisshammer zu opfern. Umsonst. Auf Nachfrage erklärte die Verwaltung, die WBG habe errechnet, dass eine Sanierung dieser Sechsgeschosser sich nicht refinanzieren würde. Dafür sollten die verfügbaren Mittel an anderer Stelle effizienter eingesetzt werden. An dieser Haltung wollen Senatsverwaltung und WBG nicht rütteln. Auch eine Beteiligung der Bürger an der Stadtteilplanung werde nicht in Erwägung gezogen. „Natürlich trifft es am Ende immer Menschen", hieß es beschwichtigend.

Fakten

  • 2007 und 2008 sollen im Schorfheide-Viertel insgesamt 262 WE abgebrochen werden.
  • Bisher hat die Wohnungsbaugesellschaft 90 Mietparteien angeschrieben, von denen sich die Hälfte zurückgemeldet hat.
  • Ihnen können 200 WE im näheren Umfeld, vor allem in Marzahn-Mitte und -Ost angeboten werden.
  • Allen Mietern werden individuelle Gespräche angeboten, Abstand soll ermittelt und beglichen werden.