Unabhängige und überparteiliche Zeitung
für den Stadtteil Marzahn-NordWest

Über die gesellschaftlichen Trennlinien ...

Als es sich herumgesprochen hatte, dass ich auch einer von den zugezogenen „Russen" bin, entdeckte man mich als so eine Art Beschwerdestelle für die Unzulänglichkeiten meiner Landsleute. So mancher aufgebrachte Bürger aus der Umgebung eilt zu mir, um seinem Ärger über die schwarzen Schafe aus unserer bunten Herde Luft zu machen, obwohl ich die meisten von ihnen noch nicht einmal kenne und auch nicht kennen möchte. Ich höre mir geduldig jede Beschuldigung an, weil sich die Menschen die Wut von der Seele reden wollen, aber warum ich für sie alle geradestehen muss, weiß ich immer noch nicht so recht. Zu diesen Bemerkungen hat mich jedoch mein „hiesiger" Freund, ein Intellektueller sogar, veranlasst, als er mich neulich mit der Mitteilung überraschte: „Gestern haben drei von deinen Russen auf dem Rasen unter meinem Balkon Bier gesoffen und ein Lied geträllert. Diese Bande, die muss raus aus Deutschland." Bei allem Verständnis für seinen Ärger haben mich dabei zwei Sachen mächtig gestört: Erstens, dass wegen der drei Säufer unter seinem Fenster plötzlich alle „Russen" raus sollen, obwohl die meisten, davon gehe ich mal aus, ein ganz normales, anständiges Leben führen. Auch fand ich die Erwartungen an uns Aussiedler, dass wir uns hier nur als Musterknaben benehmen sollten, zu hoch. Es werden immer Menschen über die Grenze kommen, Anständige und Dumme, aber auch Kluge, die sich mal besaufen und mal über die Stränge schlagen. Eigenartig fand ich dabei, dass ich wieder mal für etwas geradestehen musste, das ich nie begangen habe. Ich konterte, ob er als hiesiger Deutsche die Verantwortung für jede Rotznase an der Imbissbude an der Ecke übernehmen würde, und bekam völlig selbstverständlich ein „Nein" zur Antwort. Vehement lege ich mich mit meinen Landsleuten wegen jeglicher Verallgemeinerung an, wenn sie aufgrund von Erfahten ganz Deutschland und alle Deutschen beschimpfen, und möchte daher auch nicht immer mit den zahlreichen Landsleuten von mir, die Unfug treiben, gleichgestellt werden. Übrigens, die gehen mir genau so auf den Wecker, und ich könnte mich der Forderung meines Freundes „raus mit ihnen" sofort anschließen. Irgendwie müssten doch die Trennlinien zwischen den Menschen anders verlaufen als zwischen „Hiesigen" und „Aussiedlern", „Russen" und wen wir da noch so alles haben.

Alexander Reiser