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Vor 20 Jahren kamen die ersten vietnamesischen Migranten nach Marzahn

Tamara Hentschel mit der Fahne von Reistrommel e.V. Foto: A. Reiser
Tamara Hentschel mit der Fahne von Reistrommel e.V. Foto: A. Reiser
Kindertanzgruppe der Reistrommel e.V.
Kindertanzgruppe der Reistrommel e.V.

Der Verein zur Integration von Migranten aus Vietnam, Reistrommel e.V., zieht nach Marzahn-NordWest, in neue Räumlichkeiten in der Märkischen Allee 414, um. Er kehrt sozusagen zu seinen Wurzeln zurück, denn genau hier hat die Vereinsarbeit ihren Anfang genommen. Das war uns Anlass genug, uns mit der Leiterin von Reistrommel e.V., Tamara Hentschel, zu treffen. Frau Hentschel, was gibt es Neues bei Reistrommel e.V.? Am 1. April dieses Jahres ist ein neues Projekt mit dem Namen „Einwanderung und Erstberatungsstelle" gestartet, das vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützt wird. Wir „wachsen", und das ist immer ein Grund zur Freude.

Sie sind die Gründerin des Vereins, womit hat alles angefangen?
Ich denke, es muss daran erinnert werden, dass die ersten vietnamesischen Migranten im Frühling 1987 nach Marzahn gekommen sind, wir haben also in diesem Jahr ein Jubiläum: 20 Jahre! Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern, weil meine Kinder, als sie vom Spielen kamen, erzählt haben, dass sie dort Menschen gesehen hatten, die „nicht wie Deutsche" aussahen. Es stellte sich heraus, dass es in unserer Nähe ein Wohnheim gab, in dem Ausländer untergebracht waren. Das Schicksal wollte es, dass ich in diesem Wohnheim anfing, als Beraterin und Helferin zu arbeiten. So war ich vom ersten Tag an Teilnehmerin aller Ereignisse, die das schwierige Leben der Migranten begleiteten. Einige Jahre später wurde Reistrommel e.V. begründet, um die auftretenden Probleme zu lösen und eine Integration zu schaffen, soweit dies möglich war.

Wie viele Migranten vietnamesischer Herkunft gibt es derzeit in Marzahn?
Eine genaue Zahl gibt es nicht, doch es sind ungefähr an die 1500.

Inwieweit sind sie Ihrer Meinung nach integriert?
Ich würde sagen, das ist sehr unterschiedlich. Die Diaspora vietnamesischer Migranten ist ebenso vielschichtig wie jede andere. Da gibt es Flüchtlinge und so genannte Neuankömmlinge, jene, die durch eine Familienzusammenführung hergekommen sind, und Vertragsarbeiter, die schon seit DDR-Zeiten hier leben. Daraus resultiert ein breites Spektrum beim Tempo und bei der Qualität der Integration.

Was bietet Reistrommel e.V. konkret an?
Beratungen und eine allseitige Hilfe in allen sozialen und juristischen Fragen, Unterstützung bei der Arbeitssuche. Die Beratungen finden sowohl auf deutsch als auch auf vietnamesisch statt. Bei uns arbeiten hervorragende Fachleute - der Sozialpädagoge Phan Huy Thao, der Berater Bui Hong Son und andere.

Was verstehen Sie unter Integration, nachdem Sie sich schon viele Jahre mit den Problemen vietnamesischer Migranten beschäftigt haben?
Ich denke, dass die Integration einem Menschen eine gewisse Spaltung abverlangt; bei Erhaltung seiner eigenen Kultur muss man auf jeden Fall auch die Kultur des anderen Volkes in sich aufnehmen. Mir erscheint das ungeheuer schwer, doch gleichzeitig ist es der einzige Weg, sich zu integrieren und sich nicht selbst zu verlieren. Ein Teil der neuen Gesellschaft zu werden ist am schnellsten durch ein Studium oder eine Arbeit möglich, wobei man gewollt oder ungewollt Kontakt zur einheimischen Bevölkerung hat. Die gemeinsame Aufgabe, die es zu erfüllen gilt, bringt die Menschen einander näher. In diesem Fall bemerkt man nicht mehr, dass das Gegenüber „anders" ist. Das tritt in den Hintergrund, und das Andere wird nicht mehr als fremd wahrgenommen. So geht es mir zum Beispiel in meiner alltäglichen Praxis bei Reistrommel e.V.. Deshalb bin ich mehr für alltägliche, ehrliche, schweißtreibende Arbeit als für lautstarke Integrationsfeste. Sie sind eben doch oberflächlich: Alles ist grell, schön, doch das ist nicht wirklich Integration. Zumindest in meinem Verständnis.

L. Fischer