Unabhängige und überparteiliche Zeitung
für den Stadtteil Marzahn-NordWest

Interkulturell leben, interkulturell fühlen...

Auf die Fragen unserer Reporterin antwortete die Migrationsbeauftragte von Marzahn-Hellersdorf Elena Marburg

Sie arbeiten seit vielen Jahren erfolgreich mit Migrant/-innen. Ist es Ihrer Meinung nach leicht, ein/e Migrant/-in zu sein?

Migrationsbeauftragte von Marzahn-Hellersdorf Elena Marburg

Es ist ungemein schwer, besonders in der ersten Zeit. Lassen Sie mich mit Gegenfragen antworten: Ist es leicht, sein Leben von vorn zu beginnen? Ist es leicht, ein Leben ohne Wurzeln in einer neuen Umgebung zu führen? Wie überwindet man seine eigene Fremdartigkeit in einer neuen Gesellschaft? All diese Fragen habe ich mir auch selbst gestellt. Denn ich bin den schwierigen Weg der Integration auch gegangen, weil mein Geburtsland Bulgarien ist.

Wann kam bei Ihnen das Verständnis, dass Ihre eigene Integration geglückt ist?

Erst als ich 10 Jahre in Deutschland lebte. Möglicherweise bin ich, wie die Deutschen sagen, ein Spätentwickler (sie lacht). Dabei hatte ich gar keine besonderen äußeren Probleme: Ich hatte eine geliebte Familie und Arbeit. Die Kollegen haben mich wunderbar aufgenommen. Und dennoch fühlte ich mich einsam, mir fehlten meine Angehörigen, Freunde. Für ein vollwertiges Leben fehlte es mir an Kommunikation. Der Kommunikationsbedarf hat mich regelrecht gezwungen, deutsch zu lernen. Und dafür habe ich viele Anstrengungen unternommen.

Das bedeutet also, dass eine wahrhafte, nicht nur formale Integration, Zeit braucht...

Natürlich. Mir scheint, man muss den Menschen mehr Zeit zugestehen, all das zu verarbeiten, sich selbst zu fi nden. Je nach den persönlichen Umständen und der Individualität des Einzelnen. Der eine braucht mehr Zeit, der andere weniger.

Die Spätaussiedler/-innen sind eine der schwierigen Migrantenkategorien in Bezug auf die Integration. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Besonderheit?

Das sehe ich nicht, dass sie schwieriger sind. Ich nehme an, dass es vielen schwerer fällt, sich auf die Urbanität einzustellen. Das liegt zum Teil daran, dass viele aus kleineren Orten gekommen sind. Doch wir wohnen in Berlin, der Riesenmetropole. Hier gibt es kein dörfliches Beisammensein, wo jeder jeden nicht nur von Angesicht kennt, sondern auch weiß, was bei ihm zuhause gekocht wird. Die Berliner haben kein Bedürfnis, mit dem Nachbarn zu schwatzen. Ich zum Beispiel brauche diese Freundschaft mit den Nachbarn auch nicht.

Aber ist es nicht zu viel verlangt, wenn die Aussiedler überall, sogar zu Hause, Deutsch sprechen sollen?

Zweifellos. Die Familie ist ein zutiefst persönliches Territorium und gar kein „Sprachzentrum“, umso mehr, als die Muttersprache dem Erlernen der deutschen Sprache überhaupt nicht schadet. Auch die Sprachpraxis behindert sie nicht. Es sieht so aus, als würde die Mehrzahl der Aussiedler weiterhin in ihrer eigenen Gruppe, der „Wir-Gruppe“, wie ich das nenne, leben. Das heißt aber, wenn man unter seinesgleichen, in einer homogenen sprachlichen Umgebung verharrt, hat man mit der neuen Sprache schlechte Karten.

Doch diese Kategorie von Migrant/- innen ist nicht homogen. Wie viele andere auch. Oder?

Natürlich nicht. Es ist tatsächlich so, dass wir, wenn wir über Migration und Migranten sprechen, häufi g die Vielschichtigkeit vergessen. Die verschiedenen Phasen der Integration, den jeweiligen Integrationsgrad. Die erste Welle der Aussiedler/-innen erlebten wir im August 1992. Diese Menschen leben schon seit 15 Jahren in Deutschland. Ich bezweifl e, dass sich unter ihnen jemand fi nden wird, der immer noch nicht integriert ist oder die Barrieren der deutschen Sprache nicht überwunden hat. Die große Masse der Aussiedler/-innen lebt hier seit fünf bis sieben Jahren. Das ist schon wieder eine qualitativ andere Gruppe mit anderen Problemen.

Die Migrant/-innen und der Arbeitsmarkt – wie kann man sie unter einen Hut bringen?

Die „Gesellschaft der Migranten“ – das sind Individuen mit allen Unterschieden, die Menschen haben können. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind heute nicht erfreulich. Doch vieles hängt natürlich von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Es gibt auch eine Vielzahl von Beispielen dafür, wie Menschen auch aus einer schwachen Ausgangsposition heraus viel erreichen.

Kann man von einer realen Selbsthilfe der Migrant/-innen sprechen?

Oh ja, zumal sie sich die meisten Hilfen innerhalb ihrer Netze geben. Das darf aber nicht zur Verkapselung führen. Eine solche Hilfe erscheint mir ein wenig illusorisch, wie die Idee, Arbeitslose auf Beratungszentren zu verteilen, wo sie eben solche Arbeitslose beraten sollen. Das ist wenig hilfreich. Ebenso wie die Arbeit für 1,50 € pro Stunde nicht das Problem der Arbeitslosigkeit löst.

Denken Sie nicht, dass die allgemeine Situation der Integration noch zu oberflächlich betrachtet wird?

Ich sprach bereits vom Zeitfaktor und von Rahmenbedingungen. Für die Integration braucht man Zeit, persönliche Anstrengung und ein offenes Umfeld. Es müssen von allen Seiten Schritte nach vorn getan werden, und seien sie auch klein. Für mich ist ein Nachahmung verdienendes Beispiel die Künstlergruppe KLIN aus den Reihen der Migrant/-innen. Diese Initiative ist eine der erfolgreichsten in der Integrationsarbeit in unserem Bezirk. Sie hat ein festes Fundament. Auch eine „Wir-Gruppe“, doch auf qualitativ neuem Niveau: Sie arbeitet in die Richtung „Wir, die Künstler/-innen unterschiedlicher Herkunft“.

Das Gespräch führte L. Fischer