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Zwei Schwestern – zwei Träume

In der letzten Zeit häufen sich negative Berichte über jugendliche Aussiedler in den deutschen Medien. Wir wollten wissen, was sie selbst darüber denken, und sprachen mit ihnen über Zeitungsklischees und reale Probleme.

Die Schwestern Swetlana und Anna Schwenk stammen aus einer Familie von Russlanddeutschen. Im Jahre 2002 kamen sie zusammen mit vielen Verwandten und Familienangehörigen aus dem „Herzen Russlands”, der Altairegion, in ihre ethnische Heimat. Jetzt wohnen sie in Marzahn- Nordwest. Swetlana, die mit 25 Jahren die ältere ist, erzieht ihre zwei Töchter und hilft gleichzeitig ihrem Mann, sein eigenes Unternehmen aufzubauen. Die fünf Jahre jüngere Anna beendet zur Zeit das Gymnasium.

Haben sich eure Erwartungen, die ihr an die Übersiedlung nach Deutschland geknüpft hattet, erfüllt?

Swetlana: In vielerlei Hinsicht natürlich ja. Besonders, was die soziale und rechtliche Absicherung der Bürger betrifft, und die Möglichkeit, seine Kinder auf würdige Weise großzuziehen. Ich muss keine Angst um sie haben. So bin ich zum Beispiel völlig ruhig, wenn ich eine Tochter zur Schule bringe und die andere in den Kindergarten. Ganz zu schweigen davon, dass die medizinische Versorgung grundlegend anders ist als das, was wir kannten.

Anna: ... und dann das Fehlen bürokratischer Fallstricke durch die Beamten. Denn dort mussten wir buchstäblich für alles bezahlen oder „jemandem etwas zustecken”. Anders kam man nicht durch. Und wenn man es genau bedenkt, sind die Lebensperspektiven und Möglichkeiten für junge Leute hier wesentlich zahlreicher; man muss sie nur kennen und für sich zu nutzen wissen.

War denn der Entschluss, nach Deutschland überzusiedeln, eure eigene Wahl, oder haben eure Eltern euch „gezwungen” mitzukommen, wie hier in den Medien behauptet wird?

Anna: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie es bei anderen ist, aber bei uns wurde niemand jemals zu etwas genötigt oder gezwungen. So ist es nun mal in unserer Familie. Für uns junge Leute war es interessant, und wir waren in höchstem Maße neugierig darauf, wie es sich wohl an diesem neuen Ort lebt und was uns dort erwartet.

Swetlana: Die vielen Mitglieder unserer Familie sind freundschaftlich miteinander verbunden. So kam es, dass der Entschluss einstimmig war, obwohl natürlich alle auch ihre Ängste und Sorgen hatten. Denn die Informationen über das Leben in Deutschland waren, vorsichtig ausgedrückt, einfach dürftig. Doch allein am alten Ort zu bleiben, das hätte erst recht keinen Sinn gehabt.

Und in Deutschland - was waren die hauptsächlichen Schwierigkeiten der Integration?

Swetlana: Schwierigkeiten gab es genug, besonders in der ersten Zeit: die Sprache, die psychologische Anpassung an die neuen Lebensbereiche. Wenn man es ernsthaft betrachtet, war die Hauptsache die eigene Identifi kation. Es war außerordentlich wichtig, für sich selbst festzulegen, wer man eigentlich ist und wofür man hergekommen ist.

Anna: Tatsächlich war es nicht einfach, sich an vieles zu gewöhnen. Nehmen wir nur das ungewohnt milde Klima und die Lebensmittel, die bei Weitem nicht so natürlich sind, wie die, die wir in unserem Altai im Überfl uss hatten (sie lacht). Schwer war es in den ersten sechs Monaten. Doch ich hatte Glück. Ich stieg sofort ins Schulleben ein und lernte viele Gleichaltrige kennen, einheimische Deutsche. So habe ich mich für mich selbst unbemerkt eingewöhnt und fühle mich nicht unwohl.

Swetlana und Anna Foto: E. S.
Swetlana und Anna Foto: E. S.

Kann man davon ausgehen, dass für junge Leute die Integration weniger schmerzhaft ist?

Anna: Ich denke, dass bei uns, bei meinen Altersgenossen, die Integration nach dem Prinzip der kulturellen Vielfalt verläuft, das heißt, dass die meisten jungen Leute Bürger zweier Welten sind - der deutschen und der russischen. Und jetzt zieht es sie schon stark zur deutschen und zur europäischen. Sie sind darauf eingestellt, sich aktiv in das Leben in Deutschland einzubringen. Trotzdem bemühen sie sich, ihre russischen Wurzeln nicht zu verlieren. So stelle ich mir das für mich vor.

Swetlana: Ich habe bis jetzt noch keine einleuchtende Antwort auf die Frage bekommen, warum wir in Deutschland als Russen angesehen werden. Schließlich sind wir in unsere historische Heimat zurückgekehrt und haben deutsche Wurzeln... Das belastet einen ständig und überall...

Anna: Das ist das Ergebnis der verdrehten und manchmal einfach verfälschten Klischees und Vorurteile über Migranten, und über Aussiedler im Besonderen, die von einigen Medien immer wieder verbreitet werden. Swetlana: Und trotzdem erscheint es mir, dass die Russlanddeutschen die am stärksten integrierte Gruppe im Vergleich zu anderen Migranten ist.

Um noch einmal auf die Medien zurückzukommen: Geht man von dem aus, was dort veröffentlicht wird, sind jugendliche Aussiedler ausschließlich Taugenichtse, Drogenabhängige, Alkoholiker und Verbrecher. Die Folge davon ist die negative Haltung zu ihnen.

Wie geht ihr damit um?

Anna: Ruhig und rational. Es gibt eine offi zielle Statistik, Dokumente auf Bundesebene, die diese Vorurteile glaubwürdig entkräften. Dort steht deutlich und fundiert, dass die Kriminalitätsrate unter den Russlanddeutschen nicht erhöht ist. Auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Christoph Bergner, hat das mehrfach bestätigt.

Swetlana: Wie Anna schon richtig gesagt hat, werden die Vertreter der Medien häufi g Opfer ihrer eigenen Vorurteile. So kommt es zu „Auftragsbeiträgen” und Programmen, die die gängigen Klischees bedienen, oder es ist einfach ein Mangel an Berufsethos und Kompetenz.

Anna: Außerdem ist es doch so, dass der moderne Leser oder Zuhörer darüber informiert ist, was sich in seiner Stadt, seinem Land und der Welt tut. Und er ist mit Sicherheit nicht dümmer als diejenigen, die Skandalmeldungen verbreiten. Wir lachen oft herzlich darüber, wenn wieder einmal eine „Seifenblase” veröffentlicht wird, die durch keine konkreten Fakten zu belegen ist...

Was sind eure derzeitigen Träume?

Swetlana: Das wirtschaftliche Vorhaben meines Mannes zum Abschluss zu bringen und zu versuchen, den Stammbaum meiner Familie wiederherzustellen, und mich überhaupt mit der Geschichte der Russlanddeutschen zu befassen. Im Idealfall würde ich das gern als vollwertiges Unterrichtsfach vermitteln, denn meiner Ausbildung nach bin ich Grundschullehrerin.

Anna: Erfolgreich mein Abitur abzulegen und mich dann in aller Ernsthaftigkeit mit meinem Lieblingsfach, der Mathematik, zu beschäftigen und vielleicht in die Wissenschaft zu gehen.

A.P.

Ein bisschen Statistik...

Im ersten Halbjahr 2007 kamen etwas weniger als 3500 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, um hier ihren festen Wohnsitz zu nehmen. Niedriger war diese Zahl schon lange nicht mehr. Zum Vergleich: Anfang der 90er Jahre waren es jährlich ungefähr 300.000 Menschen. Gleichzeitig sinkt die Einwohnerzahl Deutschlands insgesamt. Gegenwärtig beträgt die Einwohnerzahl der Bundesrepublik Deutschland 82,3 Mio. Menschen. Das sind 123.000 weniger als 2005. Hauptsächliche Ursachen sind das Sinken der Geburtenrate und die Auswanderung in andere Länder. (Statistisches Bundesamt)