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für den Stadtteil Marzahn-NordWest
Frau Wermke, einige Ereignisse in unserem Bezirk zwingen einen aufzumerken: So hat z.B. die Eröffnung einer Ausstellung im Freizeitforum Marzahn- Hellersdorf, die den Opfern des Naziregimes gewidmet war, das Erscheinen von Neonazis „provoziert“. Waren Sie auf eine derartige Wende der Ereignisse vorbereitet?

Diesen Vorfall hat es tatsächlich gegeben. Die Polizei hat die jungen Leute hinaus begleitet. Sie waren übrigens sehr gut vorbereitet – sie kamen mit provozierenden Plakaten: „Ausgeschlossen, ausgegrenzt, vertrieben“ oder „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“, was in diesem Zusammenhang wie Hohn wirkte. Es kommt selten vor, dass ich jemanden von Versammlungen oder anderen öffentlichen Veranstaltungen entfernen lassen muss. Doch in diesem Fall war das gerechtfertigt und einfach notwendig.
Es ist klar, dass das von deren Seite eine politische Aktion war. Wie bewerten Sie diese gefährliche gesellschaftliche Erscheinung, und in welchem Maßstab bewegt sie sich?
Derartige Handlungen und Aktionen darf man auf keinen Fall verschweigen. Die Gefahr besteht darin, dass die junge Generation die Geschichte nicht kennt und unter der „Last“ sozialer Probleme ein leichtes Opfer für den Einfluss derartiger gesellschaftsfeindlicher Erscheinungen werden kann.
Wie haben sich die Veteranen zu dem Vorfall verhalten?
Sie waren eindeutig erschrocken. Viele hatten hinterher Angst, zu ihren Autos zu gehen. Denn das geht ihnen alles sehr nahe, und an diesem Tag waren sie Gäste unseres Bezirks. In der üblichen freundschaftlichen Atmosphäre haben wir Kaffee getrunken, Neuigkeiten ausgetauscht und allgemeine Themen besprochen. Es war alles wie immer, so wie es schon Tradition ist.
Vor kurzem hat es einen Überfall auf ein Blumengeschäft vietnamesischer Migranten gegeben. In der Presse wurde intensiv darüber berichtet. Warum sind derartige Erscheinungen wie die Ausländerfeindlichkeit im Wachsen begriffen?
Die Gewalt- und Aggressionsbereitschaft in der Gesellschaft sind in letzter Zeit überhaupt gewachsen. Das kommt nicht nur im Verhältnis zu Ausländern zum Tragen. Häufig entsteht die Unzufriedenheit aus einem Mangel an Lebensperspektiven. Die Menschen sind geneigt, alle Probleme jemand anderem zuzuschreiben. Deshalb kann man bei der kleinsten Gelegenheit hören, wie einer normalen russischen Familie, die in dem Bezirk lebt, gesagt wird: „Geht doch in euer Sibirien zurück!“ Und das alles nur, weil die Familie fünf Kinder hat und die Nachbarn so ihre Unzufriedenheit ausdrücken. Es hätte aber auch eine deutsche Familie sein können. Wohin hätte man die in einem solchen Fall „schicken“ wollen?
Was kann man dem entgegenhalten?
Nur aktive Arbeit; man muss alles nur Mögliche für die Annäherung der Aussiedler und der einheimischen Bevölkerung tun. Dafür gibt es eine Vielzahl von Integrationsprojekten. Gutnachbarschaftliche Beziehungen müssen gehegt und gepflegt werden. Es ist nötig, an ihnen zu arbeiten, um negativen, für die Gesellschaft gefährlichen Erscheinungen und Tendenzen Hindernisse zu bieten. Das gilt auch für die Feindschaft gegenüber „Fremden“.
Gibt es viele Migranten in der Bezirksverordnetenversammlung?
Nur zwei. Für einen Anteil von 15 % Aussiedlern und Migranten an der Gesamtbevölkerungszahl im Bezirk ist das sehr wenig. Doch diese Gruppe zu aktivieren und zur Mitwirkung anzuregen ist nach wie vor schwierig. Warum? Ich glaube, mit der Antwort auf diese Frage tun sich auch die Migranten selbst schwer. Ich rufe die Menschen immer auf, energischer zu sein, auch bei der Verteidigung ihrer eigenen Interessen. Die Gesellschaft kann davon nur profitieren.
L. Fischer