Unabhängige und überparteiliche Zeitung
für den Stadtteil Marzahn-NordWest

Betroffen verfolgten die Spätaussiedler aus Marzahn die aktuelle Diskussion über die Aufstellung von Spritzautomaten in Marzahn- Hellersdorf und die entsprechenden Meldungen in der Presse. Erst war aus dem Bericht der Berliner Zeitung von 21. Mai 2008 der Aussage der Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle (Linke) nach zu entnehmen, das man von rund 150 Drogenkonsumenten im Bezirk ausgehe (die Dunkelziffer soll noch weit höher liegen) und das besonders die russlanddeutschen Jugendlichen davon betroffen seien. Der CDU-Abgeordnete Carsten Wilke setzte noch eins drauf, indem er die vorgesehenen zentralen Standorte im Bezirk kritisierte: „Dort wohnt die Klientel nicht”, sagte Wilke. Wenn schon, dann sei Marzahn-Nord geeigneter, wo viele Russlanddeutsche lebten. In der Ausgabe der Berliner Woche vom 28. Mai 2008 war dann schon zu lesen, dass es nach Darstellung von Vista gGmbH, die sich mit der Beratung der Drogenabhängigen beschäftigt, im Bezirk 250 Drogenabhängigen gibt, darunter 164 Russlanddeutsche. Dieselbe Behauptung wurde wörtlich von der Zeitung „Die Hellersdorfer“ in ihrer Juni-Ausgabe wiederholt, die auch noch die Zahl der in Marzahn-Hellersdorf lebenden Spätaussiedler mit 20.000 aufführte. Dem Leser wurde dabei ein Bild vermittelt, dass das Drogenproblem und damit die Notwendigkeit der Aufstellung von Spritzautomaten im Bezirk einen Name habe: die Russlanddeutschen. Der Haken ist dabei nur, dass keine der oben genannten Zahlen tatsächlich stimmen, die Behauptungen einfach falsch sind und die Öffentlichkeit wie auch die Leser damit zum Nachteil der Russlanddeutschen getäuscht wurden. Nach dem Erscheinen der oben genannten Berichte habe ich die Drogenberatungsstelle Vista gGmbH angerufen und mich bei Herrn Wiedemann, der in der „Berliner Woche“ als Quelle für die oben genannten Zahlen angegeben wurde, nach dieser Statistik erkundigt. Er konnte mir nur bestätigen, was von Anfang an zu vermuten gewesen war: Erstens dass die genannten 165 Drogenabhängigen „Russlanddeutschen“ gar nicht alle aus Marzahn-Hellersdorf kommen, sondern auch aus Lichtenberg, Hohenschönhausen und anderen Bezirken, weil zur russischsprachigen Beratung bei Vista Hilfesuchende aus ganz Berlin nach Marzahn kommen. Und zweitens sagt diese Statistik entgegen den Behauptungen überhaupt nichts über die Russlanddeutschen aus, sondern über alle in Berlin lebenden russischsprachigen Migranten. Das heißt, über Bürger von einem Dutzend unabhängiger Staaten der GUS wie z.B. der Ukraine, Russland, der Republik Moldau, Georgien usw., die aus verschiedenen Gründen in der deutschen Hauptstadt leben, über jüdische Kontingentflüchtlinge, Asylbewerber aus dem vom Krieg geplagten Tschetschenien und selbstverständlich Aussiedler. Dann sehen die Zahlen gar nicht mehr so ungewöhnlich hoch aus, weil man als Vergleichsgröße für die 164 Drogenabhängigen nicht die 20.000 im Bezirk lebenden Aussiedler, sondern die 150.000 in Berlin lebenden „Russen“ heranziehen müsste. In einem Offenen Brief des Vereins Vision e.V. wurden die Öffentlichkeit und die Zeitungen auf die Missstände hingewiesen. „Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass durch den fahrlässigen und willkürlichen Umgang mit undifferenzierten Zahlen und Pauschalurteilen ausgerechnet die Russlanddeutschen in unserem Bezirk zum Hauptproblem der Drogensucht ernannt und zu ihrem Nachteil, wie Imageschaden, wider besseres Wissen als notorische Rauschgiftkonsumenten diskriminiert werden. Besonders abwegig sind die Äußerungen des CDU-Mandatsträgers im Abgeordnetenhaus, Carsten Wilke, denen zufolge man überall dort Spritzenautomaten aufstellen müsste, wo nur Russlanddeutsche wohnen. Das ist eine offene Beleidigung von Tausenden und Abertausenden in unserem Bezirk lebenden Aussiedlern, die mit Drogen aber auch nicht das Geringste zu tun haben.“ Es sind inzwischen mehrere Wochen vergangen, seitdem die falsche Zahlen und Behauptungen in die Welt gesetzt wurden. Keine einzige von den oben genannten Zeitungen hat trotz der Hinweise auf den von ihnen begangenen Fehler eine Richtigstellung abgedruckt. Für die Aussiedler ist das eine weitere Bestätigung der ohnehin bei ihnen vorherrschenden Meinung, dass sowohl die aufnehmende Gesellschaft als auch die Medien ihnen gegenüber nicht gerecht sind und bei den auftretenden Problemen in bezug auf die Aussiedler mit zweierlei Maß messen. Auch darauf wurde in dem offenen Brief hingewiesen. „Dabei bitten wir Sie ernsthaft zu bedenken: Seit mehr als 15 Jahren ist die Migrantengruppe der Spätaussiedler in unserem Bezirk immer wieder und anscheinend je nach Bedarfslage Stigmatisierungen unfreundlichster Art ausgesetzt. Da seien die Jugendlichen besonders kriminell, was aber durch keine Statistik belegt ist. Da gebe es Horrorszenen in ganzen Straßenzügen, die nur von Aussiedlern bewohnt seien. Allerdings dem Reich der Phantasie entsprungen …“ Und weiter: „ Aus all diesen Erscheinungen müssen wir den Schluss ziehen, dass es bestimmten Kreisen in unserem Bezirk gelegen scheint, für eine latent vorhandene Fremdenfeindlichkeit die Aussiedler, mithin deutsche Landsleute, als Blitzableiter einzusetzen.“ Alexander Reiser